Dr. Björn Jacobi untersucht eine Blutprobe unter dem Mikroskop. Fotos: Klinikum Worms/pakalski

Zielgerichtete Tumortherapie bei Leukämie

Worms, 19. Juli 2023 – Krebs ist eine der gefürchtetsten Erkrankungen unserer Zeit und betrifft Millionen von Menschen weltweit. Immer noch ist Krebs eine der häufigsten Todesursachen in Industrieländern. Trotz erheblicher Fortschritte in der Krebsbehandlung in den letzten Jahren bleibt es eine Herausforderung, effektive Mittel gegen die Erkrankung zu finden. Eine der innovativsten und vielversprechendsten Therapien ist die sogenannte zielgerichtete Tumortherapie.

Bei dieser Form der Krebsbehandlung werden spezielle Medikamente eingesetzt, um das Wachstum und Überleben von Krebszellen zu verhindern. Zu den Krebserkrankungen, die mit Hilfe einer zielgerichteten Tumortherapie behandelbar sind, zählt unter anderem die sogenannten „Akute Promyelozytenleukämie“ (APL). Diese Unterform der akuten myeloischen Leukämie (AML) ist zwar selten, geht – sofern früh genug erkannt – jedoch mit einer guten Prognose und einer sehr hohen Chance auf Heilung einher.

„Das Ziel der modernen Krebsmedizin ist es, Krebszellen gezielt zu bekämpfen, während gesunde Zellen im Körper geschützt werden“, erklärt Oberarzt Dr. Björn Jacobi, der Onkologe am Wormser Klinikum ist. Im Gegensatz zur Chemotherapie, die auf alle schnell wachsenden Zellen im Körper abzielt, kann eine zielgerichtete Tumortherapie bestimmte Merkmale oder Mutationen in Krebszellen erkennen und angreifen. Sie kann etwa Signale blockieren, die Krebszellen zum Wachstum und zur Vermehrung benötigen oder gezielt nur die Merkmale von Krebszellen angreifen, die sich von normalen Zellen unterscheiden.

„Wir haben beispielsweise bei der akuten Promyelozytenleukämie sehr robuste und klare Studiendaten, die gezeigt haben, dass eine zielgerichtete Tumortherapie mit einer Kombination aus einem Derivat der Vitamin A-Säure, ‚ATRA‘ genannt, und einer Arsen-Therapie der Behandlung mit Chemotherapie überlegen ist“, so Dr. Jacobi weiter. Hierbei machen sich die Mediziner zunutze, dass ein Bindungseiweiß (Rezeptor) von Vitamin A genetisch verändert ist und wesentlich zur Leukämie-Entstehung beiträgt. Dieser Vitamin-A-Rezeptor kann durch die Gabe des Vitamins wieder seine ursprüngliche Funktion übernehmen und die Leukämiezellen reifen in normale weiße Blutkörperchen aus.

Die akute Promyelozytenleukämie ist eine der Unterformen der akuten myeloischen Leukämie, bei der eine solche, chemotherapiefreie Behandlung möglich sei. „Wir charakterisieren heutzutage akute Leukämien sehr genau und suchen nach spezifischen Genveränderungen, sogenannten Mutationen. Die hierdurch entstehenden Leukämie-verursachenden Eiweiße können dann mit spezifischen Hemmstoffen ganz gezielt ausgeschaltet werden“, berichtet der Onkologe weiter.

Auch, wenn sich bei der Forschung zu zielgerichteten Tumortherapien in den vergangenen Jahren bereits viel getan hat, sind diese nicht in jedem Fall möglich. Bei zahlreichen Formen der akuten myeloischen Leukämie ist eine Chemotherapie nach wie vor unumgänglich.

Zwar seien bereits in vielen Bereichen schon vielversprechende neue Medikamente im Versorgungsalltag in Deutschland etabliert, „wir müssen aber intensiv weiterforschen, um Krebserkrankungen zukünftig noch effektiver behandeln und noch häufiger ausheilen zu können“, ergänzt Prof. Dr. Tim Zimmermann, der die Medizinische Klinik II des Wormser Klinikums als Chefarzt leitet.

Neben der zielgerichteten Krebstherapie spielt bei der medikamentösen Tumorbehandlung neben der Chemotherapie auch die Immuntherapie eine immer wichtigere Rolle. Hierbei werden bestimmte Bestandteile des körpereigenen Immunsystems gegen die Tumorzellen aktiviert. „Diese Methode ist oft nebenwirkungsärmer und gleichzeitig effektiver als alleinige klassische Chemotherapie. Die Behandlungsdauer und der Erfolg der Therapie hängen natürlich von der Art der Tumorerkrankung, dem Stadium und anderen individuellen Faktoren ab. Was auch wichtig zu sagen ist“, betont der Chefarzt: „Obwohl zielgerichtete Tumortherapien vielversprechend sind und bei vielen Patienten zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome oder Heilung führen können, sind sie möglicherweise nicht für jeden Patienten geeignet und können auch Nebenwirkungen verursachen“, so der Mediziner weiter. „Auf den Einzelfall kommt es also an. Krebsmedizin ist heutzutage personalisierte Medizin“, resümiert er.

Blutkrebs – was ist das?

Leukämie, auch „Blutkrebs“ genannt, ist eine Krebsart, die das Blut und das Knochenmark befällt. Das Knochenmark ist der Teil unseres Körpers, der Blutzellen produziert. Bei einer Leukämie bildet das Knochenmark abnormal viele weiße Blutkörperchen, die nicht richtig funktionieren und sich schnell vermehren. Diese abnormalen Zellen können gesunde Blutzellen verdrängen und den Körper anfälliger für Infektionen, Blutungen und Anämie (Blutarmut) machen.

Die akute Promyelozytenleukämie (APL) ist eine Unterform der akuten myeloischen Leukämie (AML). Die Erkrankung ist selten und macht etwa fünf Prozent der Fälle von neu diagnostizierter akuter myeloischer Leukämie aus. Deutschlandweit erkranken jedes Jahr nur ca. 100 Menschen neu an dieser Erkrankung. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 40 und 50 Jahren. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.