Archivfoto: Mirco Metzler/Die Knipser
Bei der Eröffnung der Ausstellung „Die Toten des Pogroms 1938 in den heutigen Bundesländern Rheinland-Pfalz und Saarland“ in der Gedenkstätte KZ Osthofen wurden erstmals Ergebnisse der gleichnamigen Studie der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) bekanntgegeben. Die Ausstellung wird bis zum 18. Dezember dort zu sehen sein.
In seinem Grußwort zur Eröffnung sagte Landtagspräsident Hendrik Hering: „Ich bin sehr dankbar, dass die Landeszentrale für politische Bildung ein solches Projekt aufgegriffen hat. Im Kern geht es um die Frage nach einem zeitgemäßen Erinnern und um historische Wahrheit, die im eigenen Ort und vor der eigenen Haustür stattgefunden hat. Und dies am Beispiel des Pogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Es geht um die Fragen, was damals in Rheinland-Pfalz geschah und wie schnell aus hetzerischen Worten grauenhafte Taten und Ermordungen von Menschen werden konnten. Es ist traurig, dass die genaue Zahl an Toten in der Pogromnacht noch immer nicht erforscht wurde. Vor diesem Hintergrund leistet die Studie der LpB Pionierarbeit. Genau dies ist ein Ansatz für eine zeitgemäße Erinnerungskultur nach dem Prinzip: Grabe, wo Du stehst. Diese regionalen Forschungen schaffen eine emotionale Verbindung zur Geschichte und bekämpfen das jahrzehntelange Vertuschen und Verdrängen“.
Dr. Achim Weber vom Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit sprach ein weiteres Grußwort. Dr. Walter Rummel, wiss. Fachbeirat für die Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz, und Carolin Manns, Kuratorin der Ausstellung, präsentierten wichtige Erkenntnisse aus der Studie.
Kathrin Künstler, Leiterin der Gedenkarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, erläutert die dringende Notwendigkeit der Studie: „Nicht zuletzt angesichts immer stärker werdender Rufe nach einem ‚Schlussstrich‘ ist es wichtig, der jahrzehntelangen Verharmlosung der Novemberpogrome als Nacht, in der die Synagogen brannten und Scheiben zerschlagen wurden, entgegenzutreten und zu zeigen, dass diese Tage brutalster Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung weitreichende Folgen für das Leben der Betroffenen hatten und für viele sogar den Tod bedeuteten. Ich bin deshalb sehr froh, dass unser Direktor Bernhard Kukatzki dem Vorbild aus Nordrhein-Westfalen gefolgt ist und diese Studie in Rheinland-Pfalz durchführen ließ und er dafür auch das Saarland mit ins Boot geholt hat. Ich hoffe, dass weitere Bundesländer auf gleiche Weise forschen werden, so dass eine valide Gesamtzahl der Todesopfer der Novemberpogrome im Deutschen Reich ermittelt werden kann.“
Im Rahmen des Pogroms, das in der Nacht vom 9. November 1938 begann wurden 74 Todesopfer ermittelt. Sie lebten in Ahrweiler, Albersweiler, Alzey, Andernach-Miesenheim, Bad Bergzabern, Bad Breisig, Bad Ems, Bad Kreuznach-Ebernburg, Binningen, Bitburg, Böchingen, Brodenbach, Frankenthal, Hagenbach, Hahnstätten, Herschbach, Ingelheim, Kaiserslautern, Koblenz, Kusel, Landau, Linz, Mainz, Miehlen, Nassau, Nastätten, Neuhofen, Neustadt an der Weinstraße, Neuwied, Ober-Olm, Oppenheim, Pirmasens, Rhaunen, Rockenhausen, Sembach, Sobernheim, Steinbach am Glan, Trittenheim, Vallendar, Wittlich, Wallertheim, Wöllstein, Worms und Zweibrücken. Bei Interesse können einzelne Biographien bei der LpB angefragt werden.
Unter den 74 ermittelten Todesopfern waren 30 Personen, die unmittelbar den erlittenen Verletzungen erlagen oder an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen verstarben, 21 Fälle von Suiziden, die im zeitlichen Zusammenhang mit den Pogromereignissen standen sowie 23 jüdische Männer, die in KZ-Haft zu Tode kamen oder in den Wochen nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben.
Das umfangreiche Rahmenprogramm zur Ausstellung finden Sie auf www.lpb.rlp.de. Ende des Jahres werden die Ergebnisse der Studie in Form eines Gedenkbuches veröffentlicht werden, das dann über die LpB bezogen werden kann.
Die Öffnungszeiten der Gedenkstätte KZ Osthofen
Di – Fr: 9.00 – 17.00 Uhr Sa: 13.00 – 17.00 Uhr So/Feiertage: 11.30 – 17.00 Uhr
Zu Ausstellung und Studie
Im gesamten Deutschen Reich kam es in der Nacht vom 9. November 1938 und den darauffolgenden Tagen zu massiven gewalttätigen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung.
Während das Ereignis heute meist mit Angriffen auf jüdische Geschäfte, der Zerstörung von Synagogen, demoliertem Mobiliar und zerbrochenem Glas in Verbindung gebracht wird, sind die gezielten Angriffe gegen Menschen weniger bekannt. In einer umfassenden Studie der LpB wurde nun erstmals aufgearbeitet, wie viele Menschen auf dem Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz und des Saarlandes im Zusammenhang mit den Novemberpogromen zu Tode kamen.
Die Verbrechen reichten von Misshandlungen und schweren Körperverletzungen mit Todesfolge bis hin zu brutalen Morden. Zahlreiche jüdische Männer wurden in die KZs Dachau und Buchenwald verschleppt, wo einige von ihnen aufgrund der katastrophalen Haftbedingungen ums Leben kamen. Manche jüdischen Frauen und Männer betrachteten Suizid als einzigen Ausweg aus der erfahrenen Gewalt und Schutzlosigkeit.




























