Foto: Domgemeinde Worms
Seit mehr als 700 Jahren steht sie am Südportal des Wormser Doms: eine Frauengestalt mit verbundenen Augen, gedemütigt, besiegt, auf einer Ebene mit der selbstsüchtigen „Frau Welt“. Es ist die allegorische Darstellung der Synagoge, einem Symbol für das Judentum. Nur wenige Jahre, nachdem man das Südportal so gestaltet hatte, zogen Wormser Bürger 1349 mordend und plündernd durch die Stadt; die wenigen Wormser Juden, die das Pogrom überlebten, wurden aus der Stadt gejagt. In einem Studientag am 27. September sollen Spuren von Antijudaismus am Wormser Dom beleuchtet und der Umgang mit ihnen diskutiert werden.
„Spätestens seit die jüdischen Stätten von Worms zusammen mit denen von Mainz und Speyer, den SchUM-Städten, als Welterbe anerkannt wurden, war mir klar: wir müssen uns auch als Domgemeinde damit auseinandersetzen, dass bis heute Zeugnisse dieser antijudaistischen Theologie im und am Dom sichtbar sind. Wir müssen uns überlegen, wie wir heute damit umgehen“, sagt Propst Tobias Schäfer, um die Intention einer Studientagung deutlich zu machen, zu der die Akademie des Bistums Mainz zusammen mit der Domgemeinde Worms und in Kooperation mit dem SchUM-Städte e.V. einlädt. „Wir müssen darüber reden!“ lautet der deutliche Titel. „Es geht zunächst darum, wahrzunehmen, wo antijudaistische Spurten sichtbar sind – in mittelalterlichen Darstellungen wie der „Synagoge“ etwa, aber möglicherweise auch noch bis in neuzeitlichen Motiven.“, erläutert der Propst. Gleichzeitig aber laute die Frage: Wie gehen wir heute damit um? Dazu wurden Referenten eingeladen, die die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei wird ein Bogen gezogen von den mittelalterlichen Darstellungen der Juden beispielsweise über stereotype Kennzeichnungen wie etwa die Judenhüte, die sich im Dom auch noch in den Glasfenstern des 20. Jahrhunderts finden. Harald Schlüter, der sich mit vergleichbaren Darstellungen an einem Portal des Kölner Doms befasst hat, gehört zu den Referenten, genauso wie PD Dr. Birgit Wiedl aus St. Pölten. „Entfernen, verhüllen, kommentieren oder kontrastieren?“ – dieser Frage stellt sich Thomas Frings, der von ähnlichen Überlegungen aus dem Kölner Dom berichten kann, wo gerade als Ergebnis eines Künstlerwettbewerbs ein entsprechendes Kunstwerk im Dom entsteht, als Antwort auf antijudaistische Darstellungen. Bischof Dr. Ulrich Neymeyr aus Erfurt berichtet von ähnlichen Erfahrungen im Erfurter Dom, an dessen Portal nicht nur wie in Worms die Synagoge steht, sondern am Chorgestühl mit der „Judensau“ auch ein schrecklich diffamierendes antisemitisches Bildwerk. „Wie umgehen mit Spuren von Antijudaismus im christlichen Kontext“, diesem Thema stellt sich die Professorin Dr. Galit Noga-Banai von der Hebräischen Universität in Jerusalem, die eigens nach Worms kommt. „Das wir sie für diese Tagung gewinnen konnten, freut uns ganz besonders“, unterstreicht Dr. Andreas Linsenmann, Co-Direktor der Akademie des Bistums.
Die unterschiedlichen Impulse münden in eine von Volker Gallé moderierte Podiumsdiskussion, die sich der Frage stellt, wie hier in Worms mit dem belastenden Erbe umgegangen werden kann. Gesprächsteilnehmer des Podiums sind Bischof Dr. Neymeyr, als Vertreter der evangelischen Kirche Ulrich Schwemer vom Arbeitskreis „ImDialog“ für das Christlich-Jüdische der EKHN, PD Dr. Peter Waldmann von der Jüdischen Kultus-Gemeinde Mainz-Rheinhessen, Birgit Kita vom SchUM-Städte Speyer – Worms – Mainz e.V. und Propst Tobias Schäfer für die Domgemeinde Worms.
„Wir wollen uns mit dieser Tagung nicht nur einem Thema stellen, das durch die Zunahme des Antisemitismus in unserem Land erschreckende Brisanz bekommen hat; wir wollen vor allem auch Anstöße geben, wie hier in der SchUM-Welterbe-Stadt mit den am Dom und an anderen Orten noch sichtbaren Zeugnissen der Mitschuld christlicher Theologie und Kunst heute umgehen können“, so Dr. Linsenmann.
Die Studientagung findet am Samstag, den 27. September von 13:00 Uhr bis 19:30 Uhr im Burchardsaal im Haus am Dom (Domplatz 3) statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung über das Pfarramt der Domgemeinde (06241-596160) oder über die Homepage der Domgemeinde.





























