Das europaweite Kunstprojekt von Gunter Demnig setzt mit über 125.000 verlegten Steinen ein dauerhaftes Mahnmal gegen das Vergessen – jeder Stein erinnert vor dem letzten freiwilligen Wohnort an ein Einzelschicksal. Fotos: Mirco Metzler/Die Knipser

In der Seegasse ist am 15. April ein sichtbares Zeichen der Erinnerung entstanden: Erstmals wurden in der Ortsgemeinde Stolpersteine verlegt. Die kleinen Messingtafeln im Gehweg erinnern künftig an das Schicksal der Familie Michel und sollen die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung dauerhaft ins öffentliche Bewusstsein zurückholen.
 
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Gäste nahmen an der feierlichen Veranstaltung teil. Die Verlegung der Steine wurde von einer Gedenkzeremonie begleitet, die den Blick auf die Geschichte der einstigen jüdischen Gemeinde Westhofens richtete und die Bedeutung aktiver Erinnerungskultur in den Mittelpunkt stellte.
 
Im Zentrum stand das Leben von Ella Michel und ihrer Familie. Während ihre Eltern und ihre Schwester im Holocaust ermordet wurden, überlebte sie als einziges Familienmitglied. Nach ihrer Emigration nach Brasilien im Jahr 1946 blieb sie dennoch über Jahrzehnte mit ihrem Heimatort verbunden und kehrte bis in die 1990er Jahre immer wieder zurück.
 
Ortsbürgermeister Jörg Schmitt erinnerte daran, dass Erinnerung nicht nur Rückblick, sondern auch Verantwortung für Gegenwart und Zukunft sei. Die Stolpersteine würden Menschen wieder einen Namen und einen Platz in der Mitte der Gemeinde geben, die einst aus dieser Mitte herausgerissen wurden.
 
Die Familie Michel steht stellvertretend für viele Schicksale der jüdischen Gemeinde Westhofens, die über Jahrhunderte das gesellschaftliche Leben prägte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann jedoch die systematische Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung jüdischer Bürgerinnen und Bürger.
 
Das europaweite Kunstprojekt der Stolpersteine, initiiert von Gunter Demnig, hat seit 1997 bereits mehr als 125.000 Erinnerungssteine in zahlreichen Ländern verlegt. Jeder einzelne Stein markiert den letzten frei gewählten Wohnort eines Menschen und hält dessen Schicksal im Alltag sichtbar.
 
Auch in Westhofen sollen die nun verlegten Steine langfristig dazu beitragen, Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern sie im öffentlichen Raum präsent zu halten. Zum Abschluss dankte die Gemeinde allen Beteiligten sowie Unterstützern des Projekts, die die Umsetzung möglich gemacht haben.
 
Mit der Verlegung der ersten Stolpersteine setzt die Ortsgemeinde ein klares Zeichen: gegen das Vergessen, für Erinnerung und für ein respektvolles Miteinander.
 
Text: VM/Redaktion Die Knipser