Mit dem kontrollierten Einsturz des letzten Kühlturms ist ein sichtbarer Meilenstein im Rückbau des Kernkraftwerks Biblis erreicht – Naturschützer kritisieren jedoch den Zeitpunkt des Abrisses und zweifeln an der Wirksamkeit der Ersatzmaßnahmen für Mehlschwalben. Fotos: Mirco Metzler/Die Knipser

Mit dem kontrollierten Abriss des letzten von insgesamt vier Kühltürmen ist ein weiterer, weithin sichtbarer Schritt beim Rückbau des stillgelegten Kernkraftwerks Biblis vollzogen. Am Freitag 16.01.2026 um 12:43 Uhr brachte das niederländische Abbruchunternehmen Laarakkers den rund 80 Meter hohen Turm planmäßig zu Boden. Für den Energiekonzern RWE markiert der Abriss einen bedeutenden Meilenstein im politisch beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie.
 
„Der Abbruch aller Kühltürme ist für uns ein wichtiger Schritt im Rückbau und ein sichtbares Zeichen, dass wir den Atomausstieg konsequent umsetzen“, erklärte Ralf Stüwe, der bei RWE für den Rückbau der Anlage verantwortlich ist. Der Einsturz erfolgte nach dem bereits bei den vorherigen Kühltürmen angewandten Verfahren: Durch gezielte Schwächung der Tragstruktur fiel der Turm kontrolliert in sich zusammen. Nach Angaben des Unternehmens wurden umliegende Gebäude nicht beeinträchtigt.

 

Abriss trotz laufender Proteste

Der Zeitpunkt des Abrisses sorgt jedoch für erhebliche Kritik seitens von Naturschutzverbänden. Nur einen Tag zuvor hatten mehrere Organisationen eine von über 10.000 Menschen unterzeichnete Petition an den Kreis Bergstraße übergeben. Ziel war es nicht, den Abriss grundsätzlich zu verhindern, sondern ihn so lange aufzuschieben, bis funktionierende Ersatz-Brutplätze für die dort ansässigen Mehlschwalben nachweislich angenommen werden.
 
Der letzte Kühlturm galt als Brutstätte einer der größten Mehlschwalbenkolonien Deutschlands. Die Art ist laut Naturschutzbund NABU gefährdet und stark auf ortstreue Brutplätze angewiesen. Naturschützer bemängeln, dass die von RWE errichteten acht Schwalbenhäuser bislang nicht angenommen wurden.

 

Unterschiedliche Einschätzungen zur Rechtslage

RWE verweist darauf, dass die artenschutzrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen bereits 2023 umgesetzt wurden und diese durch ein fünfjähriges Monitoring begleitet werden. Man gehe davon aus, dass sich die Vögel nach dem Abriss des letzten Turms in den neu geschaffenen Strukturen ansiedeln würden.
 
Naturschutzvertreter widersprechen dieser Einschätzung deutlich. Die Ersatzanlagen seien zu niedrig und ungünstig platziert, heißt es. Zudem fehle ein ausreichend langes Monitoring vor dem Abriss. Aus Sicht der Kritiker könnte der Wegfall der Brutstätte ohne funktionierende Alternativen einen Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz darstellen.
 
Der Kreis Bergstraße bestätigte, dass ein Widerspruch gegen den Abriss eingegangen sei, sah jedoch keine Möglichkeit mehr, die Arbeiten zu stoppen. Nach Angaben der Kreisverwaltung seien die Abrissarbeiten bereits so weit fortgeschritten gewesen, dass aus statischen Gründen ein sofortiger Rückbau erforderlich gewesen sei.

 

Ein abgeschlossener Rückbau – offene Fragen bleiben

Unstrittig ist: Die Kühltürme des ehemaligen Kernkraftwerks sind Geschichte. Sie waren zu Betriebszeiten nicht radioaktiv belastet und dienten lediglich der Kühlung des Rheinwassers. Der Rückbau der Anlage schreitet weiter voran.
 
Gleichzeitig bleibt der Konflikt zwischen technischem Fortschritt und Naturschutz bestehen. Die Suche nach geeigneten Brutplätzen für die Mehlschwalben soll nach Angaben der Verbände fortgesetzt werden. Ob die vorgesehenen Ersatzmaßnahmen langfristig greifen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
 
Text: SR/Redaktion Die Knipser