Der letzte verbliebene Kühlturm des ehemaligen Kernkraftwerks Biblis dient seit Jahren als Brutplatz für eine große Kolonie von Mehlschwalben. Sein geplanter Abriss sorgt bei Naturschützern für Sorgen. Archivfoto: Mirco Metzler/Die Knipser
Der geplante Abriss des letzten verbliebenen Kühlturms am ehemaligen Kernkraftwerk Biblis sorgt für wachsende Sorge bei Natur- und Vogelschützern. In dem rund 80 Meter hohen Bauwerk lebt seit vielen Jahren eine große Kolonie von Mehlschwalben. Mit dem Abriss des Turms könnten die Vögel ihren angestammten Brutplatz verlieren, noch bevor sie im Frühjahr aus ihren Überwinterungsgebieten zurückkehren.
 
Mehlschwalben sind Zugvögel und kehren Jahr für Jahr an denselben Brutort zurück. Der Kühlturm in Biblis bietet ihnen ideale Bedingungen, da die Nester in großer Höhe und mit ausreichend Abstand zum Boden angelegt werden können. Fachleute gehen davon aus, dass dort mehrere hundert Tiere brüten. Fällt der Kühlturm weg, droht der Kolonie die Auflösung, was langfristig zu einem starken Rückgang des Nachwuchses führen könnte.
 
Als Ausgleich für den geplanten Abriss wurden auf dem Gelände sogenannte Schwalbenhäuser errichtet. Naturschützer kritisieren jedoch deren Standort und Bauweise. Die Nisthilfen seien mit einer Höhe von rund acht Metern deutlich niedriger als der bisherige Brutplatz. Zudem würden umliegende Bäume und Büsche die freie Flugbahn behindern und das Risiko erhöhen, dass die Vögel von Fressfeinden wie Greifvögeln oder Krähen erbeutet werden. Auch das Nahrungsangebot in den vorgesehenen Bereichen wird als unzureichend eingeschätzt.
 
Mehlschwalben unterscheiden sich in ihren Lebensgewohnheiten deutlich von anderen Schwalbenarten. Sie bauen ihre Nester bevorzugt weit über dem Boden und sind stark an ihre Brutplätze gebunden. Wird dieser zerstört, finden sie nicht automatisch Ersatz. Besonders problematisch wäre ein Abriss noch vor Beginn der Brutsaison, da zurückkehrende Vögel dann keinen geeigneten Ort mehr vorfinden würden.
 
Das Energieunternehmen RWE verweist darauf, dass der Naturschutz am Standort Biblis berücksichtigt werde. In Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Bergstraße seien Ausgleichsmaßnahmen umgesetzt worden. Bereits seit 2023 hätten Fachgutachter die Lebensgewohnheiten der Schwalben untersucht. Zusätzlich wurden Nisthilfen und Schwalbenbretter an verschiedenen insektenreichen Standorten angebracht, auch außerhalb des Kraftwerksgeländes.
 
Naturschutzorganisationen halten diese Maßnahmen jedoch für nicht ausreichend. Sie fordern weitergehende Lösungen, etwa Nisthilfen an bestehenden Gebäuden in größerer Höhe oder eine Verzögerung der Abrissarbeiten. Zudem wird darauf hingewiesen, dass Mehlschwalben bundesweit als gefährdet gelten und durch den Klimawandel zusätzlich unter Druck stehen. Extremwetterereignisse, lange Hitzeperioden und plötzliche Kälteeinbrüche erschweren die Aufzucht der Jungtiere und erhöhen die Sterblichkeit.
 
Inzwischen liegt auch eine Petition vor, die einen Stopp der Abrisspläne fordert, sollten bis Ende Februar keine wirksameren Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Kritiker befürchten, dass mit dem Abriss des Kühlturms eine der bedeutendsten Mehlschwalbenkolonien Deutschlands dauerhaft verloren gehen könnte.
 
Text: LC/Redaktion Die Knipser