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Wenn der Rhein sein Gedächtnis freigibt: Rheindürkheimer Hungersteine erhalten neue Jahreszahlen

Wenn der Rhein sein Gedächtnis freigibt: Rheindürkheimer Hungersteine erhalten neue Jahreszahlen
Steinmetz Marius Gernsheimer bei der Beschriftung des neuen Steins. Foto: Lea Bretzer / OAG Rheindürkheim

Bei extremem Niedrigwasser gibt der Rhein in Rheindürkheim ein Stück seiner Geschichte preis. Dort, wo sonst die Strömung des Rheins die Steine bedeckt, tauchen die sogenannten Hungersteine auf. Ihre eingemeißelten Jahreszahlen erinnern an Zeiten, in denen der Fluss besonders wenig Wasser führte – und damit oft auch an schwierige Lebensbedingungen vergangener Generationen.

Nun wurde diese besondere Tradition fortgeschrieben: Die Jahre 2022 und 2026 wurden auf einem neuen Stein verewigt.

Ein steinernes Gedächtnis des Rheins

Der älteste der Rheindürkheimer Hungersteine trägt die Inschrift „Ano 1857“. Darunter steht deutlich sichtbar „Hunger Jahr 1947“. Die Jahreszahl erinnert an eines der schwierigsten Jahre der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Nach einer schlechten Ernte und großer Trockenheit im Sommer 1946 folgte im Winter 1946/47 eine schwere Hungersnot. Eine Kältewelle ließ den Rhein stark absinken und im Januar 1947 auf einer Länge von rund 60 Kilometern zufrieren. Die Schifffahrt kam zum Erliegen, Kohle und Lebensmittel konnten nicht mehr auf dem Wasserweg transportiert werden. Im November 1947 sank der Pegel erneut besonders stark – vermutlich zu diesem Zeitpunkt entstand die namensgebende Eintragung.

Weitere historische Jahreszahlen auf dem ursprünglichen „Urstein“ stammen aus den Jahren 1959 und 1963. Seit den 1990er-Jahren kamen auf weiteren Steinen zusätzliche Markierungen hinzu, darunter „Anno 2003“. Sie dokumentieren die immer wieder auftretenden regenarmen und trockenen Sommer.

Neue Jahreszahlen für eine alte Tradition

Die Ortsgeschichtliche Arbeitsgemeinschaft Rheindürkheim (OAG) hat diese Tradition nun fortgeführt. Angesichts des erneut extremen Niedrigwassers wurden die Jahre 2022 und 2026 auf einem neuen Stein eingraviert. Dieser liegt unmittelbar neben dem ursprünglichen Hungerstein.

Für die handwerkliche Umsetzung erhielt die OAG Unterstützung von Marius Gernsheimer, einem 32-jährigen selbstständigen Steinmetz aus Worms-Hochheim. Vorstandsmitglied Lea Bretzer zeigt sich über die schnelle und professionelle Hilfe besonders erfreut: „Nachdem ich letzte Woche mit ihm telefoniert hatte, war er sofort bereit, sich der Sache anzunehmen und kam direkt vorbei.“

Die Arbeit war dabei alles andere als alltäglich. Weil der Stein unmittelbar am Wasser liegt, musste die Beschriftung vollständig von Hand eingeschlagen werden. Eine Technik, die heute nur noch selten gefragt ist und entsprechend viel handwerkliches Geschick erfordert.

Die neue Gravur trägt die Überschrift „Niedrigwasserjahre“. Der Stein wurde bewusst direkt neben dem ursprünglichen Hungerstein platziert. Seine mehreren glatten Seiten bieten ausreichend Platz, um auch kommende Jahre mit extremem Niedrigwasser festzuhalten. Damit soll die historische Tradition langfristig weitergeführt werden.

Mahnung in Zeiten des Klimawandels

Dass solche Markierungen künftig häufiger notwendig werden könnten, sieht die OAG mit Sorge. Die Jahre mit extremem Niedrigwasser treten zunehmend häufiger auf, erläutert OAG-Vorsitzender Björn Krämer.

„Heute sind Hungersnöte zwar keine unmittelbare Folge des ausbleibenden Niederschlages. Dennoch sind die extrem niedrigen Wasserstände im Rhein eine Mahnung, dass ausreichende Regenmengen in Zeiten des Klimawandels nicht mehr selbstverständlich sind.“

Die OAG möchte die Tradition deshalb auch in Zukunft fortsetzen. Die Hungersteine sind inzwischen über Rheindürkheim hinaus bekannt und haben sich zu einem besonderen historischen Zeugnis entwickelt.

Gleichzeitig bittet der gesamte OAG-Vorstand – und Björn Krämer auch in seiner Funktion als Ortsvorsteher – darum, von privaten Aktionen an den Steinen abzusehen. „Wir haben hier ein seltenes Zeitzeugnis im Rhein und bitten daher alle Besucher mit dem gebotenen Respekt mit den Objekten umzugehen, damit uns diese noch lange erhalten bleiben.“

So wird aus einem Stück Stein ein Stück Erinnerung: Jedes eingemeißelte Jahr erzählt von einem ungewöhnlich trockenen Rhein und zugleich von den Bedingungen seiner Zeit. Mit den Jahreszahlen 2022 und 2026 hat Rheindürkheim dieses steinerne Gedächtnis nun um zwei aktuelle Kapitel erweitert.

Text: LC/ Redaktion Die Knipser · Quelle: OAG Rheindürkheim e.V.