100 Jahre Denkmalfriedhof Judensand: Fachleute diskutieren über den Erhalt des jüdischen Welterbes

Wie lässt sich ein jahrhundertealter jüdischer Friedhof dauerhaft schützen und gleichzeitig für Besucher zugänglich machen? Mit dieser Frage beschäftigten sich Fachleute aus Wissenschaft, Denkmalpflege und Kulturvermittlung bei einem Studientag am 29. Oktober 2026 im Landesmuseum Mainz. Anlass waren das 100-jährige Bestehen des Denkmalfriedhofs Judensand sowie das fünfjährige Jubiläum der UNESCO-Welterbestätten SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz.
Organisiert wurde die Veranstaltung vom SchUM-Städte e. V. gemeinsam mit der Direktion Landesmuseum der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz und der Landeshauptstadt Mainz. Neben Wissenschaftlern und Denkmalpflegern nahmen auch zahlreiche Gästeführer sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger aus der Region teil.
Jüdische Geschichte und Bestattungstraditionen im Mittelpunkt
Der Studientag widmete sich in drei Themenbereichen der Geschichte des Alten Jüdischen Friedhofs Judensand, religiösen Bestattungstraditionen und den Herausforderungen beim Erhalt des historischen Ortes.
Die Wissenschaftler Andreas Lehnardt und Lucia Raspe sowie Uwe Bergmann-Deppisch beleuchteten die wechselvolle Geschichte des Friedhofs und seine Bedeutung als jüdischer Erinnerungs- und Wallfahrtsort.
Dabei wurde auch die besondere Rolle der mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz deutlich. Die sogenannten SchUM-Städte prägten über Jahrhunderte die religiösen Traditionen und die Entwicklung des aschkenasischen Judentums.
Weitere Vorträge beschäftigten sich mit jüdischen Friedhöfen der Frühen Neuzeit, der Beerdigungsbruderschaft der jüdischen Gemeinde Mainz sowie Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen jüdischen und christlichen Bestattungstraditionen.
Klimawandel stellt Denkmalpflege vor neue Herausforderungen
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem langfristigen Schutz des Friedhofs. Dabei ging es unter anderem um die Konservierung historischer Grabsteine, die regelmäßige Überwachung ihres Zustands und die Pflege der Anlage.
Auch archäologische Funde jüdischer Grabsteine im Mainzer Stadtgebiet wurden thematisiert. Zahlreiche Steine waren im Laufe der Geschichte vom Friedhof entfernt und als Baumaterial wiederverwendet worden.
Neben den bisherigen Maßnahmen diskutierten die Teilnehmenden über künftige Herausforderungen. Insbesondere der Klimawandel könnte den Erhalt jahrhundertealter Grabsteine und anderer historischer Bauteile zunehmend erschweren.
Zugleich wurde die Frage behandelt, wie das UNESCO-Welterbe für Besucher zugänglich gemacht werden kann, ohne die empfindlichen historischen Stätten zu gefährden oder religiöse Belange zu verletzen.
Birgit Kita, Site-Managerin der SchUM-Stätten und Geschäftsführerin des SchUM-Vereins, verwies auf die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Denkmalpflege und Kulturvermittlung. Der Austausch sei wichtig, um das jüdische Kulturerbe langfristig zu bewahren.
Friedhof mit einer Geschichte bis ins 11. Jahrhundert
Der Alte Jüdische Friedhof Judensand gehört neben dem Heiligen Sand in Worms zu den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfen Europas. Seine Geschichte reicht bis ins 11. Jahrhundert zurück.
Nach der Vertreibung der jüdischen Gemeinde aus Mainz im Jahr 1438 wurde der Friedhof aufgegeben und geschändet. Teile des Geländes wurden später als Weinberg genutzt. Zahlreiche Grabsteine verschwanden oder fanden als Baumaterial Verwendung.
Nachdem sich im 17. Jahrhundert erneut jüdische Familien in Mainz niedergelassen hatten, konnte die Gemeinde Teile des früheren Friedhofsgeländes zurückerwerben.
Im 19. Jahrhundert wurden bei Bauarbeiten in Mainz mehrere mittelalterliche Grab- und Gedenksteine wiederentdeckt. Diese wurden auf einem 1862 zurückerworbenen Teil des Friedhofs zusammengetragen.
Dort entstand der Denkmalfriedhof, der am 3. Oktober 1926 auf Initiative der Mainzer Rabbiner Siegmund Salfeld und Sali Levi feierlich eingeweiht wurde.
Teil des UNESCO-Welterbes seit 2021
Seit 2021 gehört der Judensand gemeinsam mit weiteren jüdischen Kulturstätten in Speyer und Worms zum UNESCO-Welterbe.
Die SchUM-Stätten dokumentieren die herausragende Bedeutung der jüdischen Gemeinden dieser drei Städte für die Entwicklung des aschkenasischen Judentums in Europa.
Der Studientag machte deutlich, dass der Schutz des Judensands nicht allein eine regionale Aufgabe ist. Als Teil des UNESCO-Welterbes besitzt der Friedhof eine internationale kulturhistorische Bedeutung.
Die gewonnenen Erkenntnisse und der Austausch zwischen den beteiligten Fachleuten sollen dazu beitragen, die historische Stätte auch für kommende Generationen zu erhalten.
Text: LC/Redaktion Die Knipser · Quelle: SchUM-Städte e.V.
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